Geht doch! Efolgsfaktor Familie

13.08.2018

Im Interview erklärt die neue Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, welche Themen sie in der Regierungsarbeit in den Vordergrund stellen will. Außerdem erläutert sie, warum es sich für Personalverantwortliche lohnt, beim Thema vereinbarkeitsbewusster Unternehmenskultur genauer hinzuschauen. Kids Mobil wird vorgestellt als Modell für deren erfolgreiche Umsetzung in Unternehmen.

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Die Nummer gegen Kita-Kummer

KidsMobil macht Arbeitgebern in Berlin ein ganz besonderes Angebot: Hier können sie ein Kontingent flexibler Betreuungsstunden erwerben und ihren Beschäftigten im Notfall zur Verfügung stellen. Was dann nur einen Anruf kostet, ist für die Leiterin von KidsMobil, Christiane Radtke, komplexe Logistik. Ein Besuch hinter den Kulissen.

Braune Augen, Ringelshirt, zwei kleine Arme, die sich um ihre Hüfte schlingen: Dienstbeginn für Christiane Doodt-Schaaf von KidsMobil, der flexi­blen Kinderbetreuung in Berlin. Einen Nachmittag lang wird sich die gelernte Tagesmutter um Vanja (4) und seinen älteren Bruder Mateija (7) kümmern; sie aus Kita und Hort abholen, nach Hause bringen und dort auf die Eltern warten, die an diesem Tag länger arbeiten. Christiane Doodt-Schaaf kommt ins Spiel, wenn sich in Berliner Familien zwischen Regelbetreuung und Realität Löcher auftun. „Das ist für uns eine enorme Entlastung“, sagt Boris Zajko, Vater der beiden Jungen. „Wir wissen, dass unsere Kinder gern mit Christiane zusammen sind und das gibt uns die Ruhe, unsere Arbeit ohne ständigen Blick auf die Uhr konzentriert abzuschließen.“

 

KidsMobil heißt: Eltern und Unternehmen entlasten

Kinder krank, Streik in der Kita, ungeplante Überstunden – für berufstätige Eltern gibt es viele Situationen, die ihre gewohnten Abläufe unvermit­telt über den Haufen werfen. Für diese Anlässe gibt es in Berlin seit fast zwölf Jahren KidsMobil. Hier können Arbeitgeber Betreuungsstunden erwerben und ihren Beschäftigten kostenlos zur Verfügung stellen. Es reicht ein Anruf am Tag zuvor. Dann sucht die Leiterin Christiane Radtke in ihrem Pool aus qualifizierten Betreuerinnen und Betreuern nach kurzfristigem Ersatz. Angefangen hat Kids­Mobil als reine Notfallbetreuung. „Mittlerweile haben wir mit einzelnen Arbeitgebern sehr unter­schiedliche Arrangements abgeschlossen, die auch regelmäßige Betreuung in Randzeiten beinhalten.“ So wie bei Boris Zajko und Nevena Milenkovic. Er ist Sozialarbeiter und Musiker, die promovierte Neuro­physiologin forscht am klinischen Forschungszentrum NeuroCure mit Sitz am Charité Campus Mitte. Die Beschäftigten der Charité sowie Forschende in Partnerorganisationen können dort über Gleich­stellungsgelder zusätzliche Mittel für Vereinbarkeit erhalten. Nevena Milenkovic hat sich für eine Rand­zeitenbetreuung entschieden. 16 Stunden monat­lich stehen ihr zur Verfügung. In der Regel kommt Christiane Doodt-Schaaf an einem Nachmittag pro Woche in die Familie. Boris und Nevena haben dann drei bis vier Stunden länger Zeit, sich auf ihre Pro­jekte zu konzentrieren – bis das Abendessen auf den Tisch kommt und Mateija zum Karatetraining geht.

Wird eines der Kinder krank, können die Eltern mit der Betreuerin auch einen spontanen Einsatz ver­einbaren. „Das machen wir natürlich nicht, wenn die Kinder akut Fieber haben und ihre Eltern brau­chen“, sagt Nevena Milenkovic. Aber es gibt auch diese Zwischentage. An denen sind die Kinder zwar wieder fit – aber noch nicht so weit, wieder in die Kita oder Schule zu gehen. „Dann kommt Christiane und bleibt bei den Kindern“, sagt die Forscherin, deren eigene Familie in Serbien lebt.

Für Menschen wie Boris und Nevena ist KidsMobil gedacht. Für Zugezogene, die keine Großeltern in der Nähe haben. Für Alleinerziehende, die im Schichtdienst arbeiten. Für alle, deren Tagesab­lauf so durchgetaktet ist, dass jeder unerwartete Notfall diesen ins Wanken bringt. „Das kann die Regelbetreuung natürlich nicht auffangen. Hier braucht es zusätzliche Angebote. Die wollten wir schaffen“, sagt Christiane Radtke. Entstanden ist die Idee gemeinsam mit den Frauenbeauftragten der Vivantes-Kliniken und der Charité-Universitätsme­dizin Berlin. Vor allem in den Wintermonaten sind Dienstpläne in den Kliniken krankheitsbedingt ein fragiles Konstrukt. Im Notfall greifen die Einrichtun­gen dann auf teures Leasingpersonal zurück, das auf den einzelnen Stationen oft zu wenig eingearbeitet ist. Zunächst kam die damalige Vorsitzende der Frau­enbeauftragten der Vivantes-Kliniken, Ina Colle, auf die Idee, das Stammpersonal mithilfe einer flexiblen und für die Beschäftigten kostenlosen Notfallbetreu­ung zu entlasten. Daraus wurde KidsMobil.

Elf Arbeitgeber, 14.000 Betreuungsstunden im Jahr

Auch in anderen Einrichtungen in Berlin fand das Konzept schnell Anklang. Neben Vivantes und der Charité kamen über die Jahre auch die Paul-Gerhard-Diakonie, die Alexianer, das Helios Klinikum Berlin-Buch, der Verbund der DRK-Kliniken sowie zahlreiche Universitäten und Hochschulen in Berlin dazu. Mittlerweile sind es elf Arbeitgeber. 14.000 Betreuungsstunden realisiert KidsMobil Jahr für Jahr. Längst nutzen nicht mehr nur weibliche Pflegekräfte und Ärztinnen das Ange­bot. Auch viele junge Väter machen von KidsMobil Gebrauch. Hunderte Pins an der Berlin-Karte im Büro markieren all die Orte, an denen die Betreu­enden zum Einsatz kommen. In vielen Fällen hat Christiane Radke berufstätigen Eltern den Spagat zwischen Familie und Beruf erleichtert. Sie hat aber auch den Druck erlebt, der auf Doppelverdiener-Familien und Alleinerziehenden im Schichtdienst lastet. Das geht bei ihr selber los. Einmal im Jahr verhandelt sie mit den Kunden den Stundensatz für die flexible Betreuung. Zwischen 19 und 22 Euro sind das im Moment – eigentlich zu wenig, sagt Christiane Radtke. Finanzieren muss sie mit dem Gesamtbudget ihre eigene 35-Stunden-Stelle, die Projektassistenz, das Betreuungspersonal, Büro­miete und alle laufenden Verwaltungskosten. „Es ist relativ einfach, Arbeitgeber vom Vorteil einer flexib­len Betreuung zu überzeugen. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie auch ihren pädagogischen Wert erkennen und entsprechend zahlen wollen.“

Die gelernte Pädagogin kostet es daher manche Überstunde, KidsMobil am Laufen zu halten. Allein die Suche nach geeignetem Betreuungs­personal bindet Zeit und Kraft. Im ohnehin leer­gefegten Markt für Erzieherinnen und Erzieher fischt Christiane Radtke nach einer ganz speziellen Zielgruppe: ungebunden, fachlich erfahren und kurzfristig verfügbar. Das sind Menschen wie Christiane Doodt-Schaaf. Die 61-Jährige hat in Aachen als Tagesmutter gearbeitet, bevor ihr Sohn Vater wurde und sie in seine Nähe nach Berlin zog. Über KidsMobil betreut sie derzeit fünf Familien. Es ist ein Nebeneinkommen auf Gewerbeschein.

 

Die schwierige Suche nach Fachpersonal

Auch das gehört dazu: Die Menschen, die KidsMobil am Laufen halten, können das oft nur, weil sie damit nicht ihren vollständigen Lebensunterhalt bestreiten müssen. Die meisten Betreuerinnen und Betreuer studieren in einem pädagogischen Beruf, haben Erfahrung als Tagesmütter oder -väter ge­sammelt oder sind aus einem pädagogischen Beruf heraus in den Ruhestand gegangen – und nun auf der Suche nach einem Nebenjob. KidsMobil kann daher auch nicht alle Wünsche der Kunden erfül­len. Der Einsatz von fachfremdem Personal ist aus­geschlossen. Flexible Betreuung sei eine anspruchs­volle Aufgabe, sagt auch Tagesmutter Christiane Doodt-Schaaf. „Natürlich erziehe ich die Kinder nicht, wenn ich sie ab und an für einige Stunden betreue“, sagt sie. Manche Familien aber lernen ihre Notfallbetreuung erst am Tag des eigentlichen Einsatzes kennen. Christiane Doodt-Schaaf hat in solchen Situationen Kinder erlebt, die sie zwei Stunden lang anschwiegen. Sie hat die Mutter dann gebeten, sie, die Tagesmutter, zu umarmen. „Dann sehen die Kinder, dass wir uns verstehen und es in Ordnung ist, dass ich da bin.“ Für solche Interven­tionen aber braucht es Fachwissen und Erfahrung. Vanja und Mateija hingegen kennt die Tagesmutter schon seit anderthalb Jahren. Ihre Nachmittage laufen nach einem festen Schema ab. Sie beginnen bei Vanja in der Kita, von wo aus die beiden zum Hort des Bruders bummeln. Lange Schritte, kurze Schritte, Tippelschritte: 45 Minuten brauchen sie für den knappen Kilometer. „Uns drängt ja nichts“, erklärt Christiane Doodt-Schaaf. In der Wohnung der Familie schiebt sie Fischstäbchen in den Ofen. Der Schlüssel dreht sich im Schloss der Wohnungs­tür. Vater Boris steht im Flur. Kurz drauf ist auch Nevena zu Hause. Hat alles geklappt? Gab es etwas Besonderes? Nächste Woche wie immer? Der Ton­fall ist vertraut, die Übergabe Routine. Als Christiane Doodt-Schaaf die Tür hinter sich ins Schloss zieht, sind alle Beteiligten entspannt.

 

Kein Einsatz ohne vorheriges Kennenlernen

Christiane Radtke freut sich, wenn die Einsätze bei KidsMobil so ablaufen. Oft ist das tatsächlich so. Manchmal aber erhöhe flexible Betreuung auch den Druck auf die Familien, sagt sie. Vor allem im Klinikbetrieb, wo manchmal schon normale Schichten unterbesetzt sind, winken Vorgesetzte im Krankheitsfall bisweilen mit der Kostenübernahme für KidsMobil und fordern den spontanen Dienst­wechsel ein. „Dann fragen Eltern eine Notfallbe­treuung an, die eigentlich lieber bei ihren Kindern wären. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache.“

Im Laufe der Jahre hat Christiane Radtke einige Regeln aufgestellt. KidsMobil betreut keine akut kranken Kinder. Frühester Einsatztermin ist der Tag nach Bekanntwerden des Notfalls. Betreuende und Kinder müssen sich zumindest kurz im Beisein der Eltern gesehen haben, bevor sie miteinander allein bleiben. So oft es geht setzt Christiane Radtke bereits bekanntes Personal in den Familien ein. „Das erfordert ein bisschen Logistik, aber so bleibt KidsMobil, was es sein soll. Eine Hilfe für alle Seiten, für Eltern, Kinder und Arbeitgeber gleichermaßen“, sagt Christiane Radtke – und hebt den Hörer ihres Telefons ab. Der nächste Einsatz wartet.

 

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